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Zwei Hände, die sich einander nähern.
Keine geballte Faust.
Keine zurückgezogene Geste.
Sondern offene Handflächen -
bereit zur Berührung, bereit zur Versöhnung.
Und dazwischen:
ein Olivenzweig mit dunklen Früchten
Frucht des Friedens.
Frucht der Vergebung.
Frucht der Liebe, die nicht rechnet,
nicht zögert,
nicht unterscheidet zwischen Würdig und Unwürdig.
Vergebung ist kein Schwächezeichen,
sondern ein Akt göttlicher Kraft.
Wer vergibt, durchbricht den Kreis von Vergeltung.
Wer die Hand reicht,
überlässt Gott das Urteil
und entscheidet sich für das Leben.
Es gibt keine Garantie, dass die andere Hand sie ergreift.
Doch die ausgestreckte Hand bleibt ein Zeichen:
Ich bin bereit.
Ich lasse los,
was mich bindet an Groll, Wut und Schmerz.
Ich will leben - im Licht der Gnade.
Denn auch mir wurde vergeben.
Ohne Bedingung.
Ohne Abstriche.
Immer wieder.
Darum will ich es wagen:
zu vergeben,
mich zu versöhnen,
die Hand zu reichen -
und die Liebe siegen zu lassen.
Vergeben - immer und ohne Abstriche
Text: Matthäusevangelium 18, 21-33 - Einheitsübersetzung neu
Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist! Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
Gottes Wort ist uns Orientierung
Jemand hat einen anderen sehr gekränkt und nun hat er Schuldgefühle. Einen Tag später entschließt er sich, zum anderen zu gehen und ihn um Verzeihung zu bitten. Der andere sagt ihm: „Du brauchst mich nicht um Verzeihung zu bitten, ich habe dich nämlich weder angeklagt noch schuldig gesprochen noch verurteilt. Mach dir keine Sorgen! Zwischen uns beiden ist alles gut.” Erleichtert und froh geht er vom anderen weg. Nach einiger Zeit aber kommen ihm Zweifel, ob ihm der andere wirklich vergeben hat, und neuerdings quälen ihn Schuldgefühle. Darum beschließt er, noch einmal zum anderen zu gehen und ihn um Vergebung zu bitten. Da sagt der andere: „Ich habe dir doch schon gesagt, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Zwischen uns ist alles gut.” Darauf geht er wieder beruhigt und glücklich vom anderen weg. Aber nach etlichen Tagen kehren seine Schuldgefühle zurück und auch die Zweifel, ob ihm der andere tatsächlich verziehen hat. Also macht er sich ein drittes Mal auf den Weg zum anderen und bittet ihn um Vergebung. Da wird der andere traurig und sagt zu ihm: „Du nimmst mich nicht ernst. Sag, wie oft muss ich dir noch sagen, dass zwischen uns alles in Ordnung ist!? Wieso vertraust du mir nicht!?” Nun geht er zum dritten Mal befreit und freudig vom anderen weg. Aber immer wieder überkommen ihn die Zweifel und die Schuldgefühle und immer wieder geht er zum anderen und bittet um Vergebung. Und jedes Mal sagt ihm der andere das Gleiche: „Mach dir keine Sorgen! Zwischen uns ist alles gut.”
So wie dieser Mensch verhalten wir uns Gott gegenüber, wenn wir ihn ständig anflehen: „Erbarme dich unser! Sei uns gnädig! Verzeihe uns! Verschone uns!” und nicht vertrauen, dass er uns grenzenlos vergibt - immer schon und ohne Bedingungen.
Nie klagt Gott uns an, nie spricht er uns schuldig, nie verurteilt er uns. Darum braucht er von uns die Bitten um Erbarmen und Vergebung nicht. Auf Gott trifft nämlich hundertprozentig zu, was Jesus in diesem Evangelium dem Petrus auf seine Frage antwortet, ob wir den Mitmenschen etwa sieben Mal verzeihen müssen. „Nicht sieben Mal”, sagt Jesus, „sondern siebenundsiebzig Mal. Das bedeutet: Immer und ohne Einschränkung.” So vergebend ist Gott. Seine Gnade ist unbefristet und grenzenlos. Von Gott ist uns vergeben, immer schon, nicht erst nach Vergebungsbitten, nicht erst nach Reue und guten Vorsätzen.
Unser Problem ist unser mangelndes Vertrauen auf die unendliche Gnade Gottes. Wir tun uns so schwer, daran zu glauben, dass Gott zu uns voraussetzungslos und bedingungslos sein Ja sagt und uns annimmt und uns seine unbegrenzte Vergebung schenkt. Er gibt uns seine Gnade in einem Ausmaß, das alle Begriffe übersteigt.
Mit dieser Gabe ist für uns allerdings eine Aufgabe verbunden. Diese Aufgabe ist der Inhalt des Gleichnisses Jesu in diesem Evangelium. Da sagt der König zu seinem Diener, dem er seine ganze Schuld erlassen hat: „Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?” Dieser Satz ist der springende Punkt in diesem Gleichnis. Das ist uns aufgegeben: zu lernen, dass Gott ohne Grenzen gütig zu uns ist, und zu lernen, gütig zu sein und einander zu vergeben, wie Gott uns vergibt, nämlich immer und ohne Abstriche.