Der sinkende Petrus
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Der sinkende Petrus

Text: Matthäusevangelium 14, 28-33 - Übersetzung: Drewermann

28 Geantwortet aber hat ihm Petrus, er hat gesagt: Herr, wenn du es bist, befiehl, dass ich komme, zu dir, über das Wasser. 29 Er aber hat gesagt: Komm. Und aus dem Boot stieg Petrus und ging einher über die Wasser. Und kam zu Jesus. 30 Wie er aber den Wind sah, ward er voll Furcht und (schon) begann er zu versinken und schrie auf: Herr, rette mich! 31 Sogleich aber streckte Jesus die Hand aus und ergriff ihn, und sagt ihm: Du so wenig Vertrauender, warum bekommst du Zweifel? 32 Und wie sie ins Boot stiegen, beruhigte sich der Wind. 33 Die im Boot aber warfen sich nieder vor ihm, sprechend: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.

Gottes Wort stärkt unser Vertrauen auf ihn

Das eigentliche Wunder dieser Erzählung besteht nicht darin, dass Jesus auf dem Wasser geht. Für Matthäus ist dies vielmehr die Voraussetzung der Geschichte. Das wahre Wunder liegt vielmehr darin, dass ein Mensch eingeladen wird, dieselbe vertrauende Beziehung zu Gott zu leben wie Jesus selbst.

Auf die Worte des Petrus "Herr, wenn du es bist, befiehl, dass ich komme, zu dir, über das Wasser" antwortet Jesus nicht: "Bleib im Boot und bewundere mich." Er sagt: "Komm!" Dies ist die Einladung zur Nachfolge. Petrus soll nicht Zuschauer bleiben, sondern Anteil erhalten an dem Vertrauen, das Jesus trägt. Jesus lebt aus einer so tiefen Gewissheit der Gegenwart seines Abba, dass für ihn selbst die Chaosmächte - im Alten Testament durch das Meer symbolisiert - ihre letzte Macht verlieren. Nun lädt er Petrus ein, in dieselbe Gottesbeziehung hineinzuwachsen.

Zunächst handelt Petrus genau richtig. Er steigt aus dem Boot und wagt erste Schritte. Er erfährt tatsächlich: Wenn ich auf Jesus schaue und ihm vertraue, werde ich getragen. Für einige Augenblicke erfährt er dasselbe Vertrauen, aus dem Jesus lebt. Erst als er den Wind wichtiger nimmt als Gott, beginnt er zu sinken. Nicht weil Gott ihn loslässt, sondern weil Vertrauen immer Beziehung bedeutet.

Vertrauen richtet den Blick auf Gott, Angst hingegen auf die Gefahr. Deshalb besteht der Gegensatz in dieser Geschichte nicht zwischen Glauben und Naturgesetzen, sondern zwischen Vertrauen und Angst. Dies entspricht genau den zahlreichen Worten Jesu: "Fürchte dich nicht." "Alles ist möglich dem, der glaubt." (Mk 9,23) "Dein Glaube hat dich gerettet." "Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn ..."

Jesus spricht niemals von einem bloßen Für-wahr-Halten von Glaubenssätzen. Das griechische Wort "pistis" für Glaube bedeutet Vertrauen, Sich-Anvertrauen. Es beschreibt eine lebendige Beziehung.

"Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hände." Wenn dies nur ein Trostspruch wäre, bliebe er bloß eine Floskel. Jesus aber sagt: Wage es, vertraue darauf! Nur wer sich wirklich in Gottes Hände fallen lässt, wird erfahren, dass Gottes Liebe trägt - nicht theoretisch, nicht dogmatisch, sondern existenziell.

Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Die gesamte Bibel berichtet von Menschen, die genau diese Erfahrung machen. Abraham verlässt seine Heimat, Mose tritt vor den Pharao, David stellt sich Goliat entgegen, Maria sagt Ja zu einem unbegreiflichen Weg, Jesus geht bis ans Kreuz. Keiner von ihnen besaß Sicherheiten, alle lebten aus Vertrauen.

Das Boot ist alles, woran ich mich klammere, weil es mir Sicherheit gibt: Besitz, Ansehen, Kontrolle, Gewohnheiten, auch religiöse Sicherheiten. Jesus ruft nicht zuerst dazu auf, auf dem Wasser zu gehen. Er ruft dazu auf, das Boot der Sicherheiten zu verlassen. Denn solange ich im Boot bleibe, werde ich niemals erfahren, dass Gott wirklich trägt.

Dies ist wohl die zentrale Botschaft dieser Erzählung: Gottvertrauen lernt man nicht durch Nachdenken, sondern nur, indem man es tut. Dann wird aus einem schönen Satz eine Erfahrung: "Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hände." Und wer dies einmal erfahren hat, versteht, warum Jesus von einem Glauben spricht, der Berge versetzen kann. Nicht weil der Glaubende über magische Kräfte verfügt, sondern weil ein Mensch, der sich ganz Gott anvertraut, aus einer Kraft lebt, die viel größer ist als seine eigene. Dieses Vertrauen wollte Jesus seine Jüngerinnen und Jünger nicht nur lehren, sondern sie in dieselbe vertrauende Beziehung zum Abba hineinführen, aus der er selbst lebte. Dies ist die Einladung an uns aus Matthäus 14,28–33.